Internationales
EMPACT Action Days Labour/Agri 2025: Europaweite Erfolge im Kampf gegen Arbeitsausbeutung
54 Festnahmen, 404 potenzielle Opfer identifiziert – Erfolgreiche Schwerpunktaktion gegen Menschenhandel und Arbeitsausbeutung
Wie in den Vorjahren setzte die Operation auf einen multidisziplinären Ansatz. In den vergangenen Wochen haben Strafverfolgungs-, Grenzschutz, Arbeits- und Finanzbehörden in ganz Europa ihre Kräfte gebündelt, um Arbeitsausbeutung und Menschenhandel aufzudecken und zu bekämpfen. Die diesjährige Auflage der EMPACT Joint Action Days Labour/Agri konzentrierte sich auf Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung, mit besonderem Schwerpunkt auf den Agrarsektor sowie die Ausbeutung von Nicht-EU-Bürgern und Geflüchteten.
Unter der Leitung von Frankreich und den Niederlanden, mit Unterstützung von Europol und der Europäischen Arbeitsbehörde (ELA), beteiligten sich 32 Länder an der gemeinsamen Operation.
Europol stellte rund um die Uhr analytische und operative Unterstützung bereit, koordinierte den Datenaustausch in Echtzeit und entsandte Expertenteams zur Unterstützung der nationalen Ermittlungen.
"Das Bundeskriminalamt leistet im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung von Menschenhandel und Arbeitsausbeutung. Die Ergebnisse der EMPACT Action Days zeigen, dass konsequente Kontrollen, internationale Kooperation und entschlossenes Handeln der Sicherheitsbehörden entscheidend sind, um Täterstrukturen zu zerschlagen und Opfer wirksam zu schützen", betont der Direktor des Bundeskriminalamtes Andreas Holzer.
Ergebnisse der europaweiten Aktion
• 22.296 Beamtinnen und Beamte aus Polizei-, Arbeits- und Finanzbehörden
• 194.995 Überprüfungen, darunter:
o 73.218 Personen
o 11.815 Orte
o 26.412 Fahrzeuge
o 83.958 Dokumente
• 93 mutmaßliche Menschenhändler identifiziert (davon 92 wegen Arbeitsausbeutung)
• 54 Personen festgenommen (davon 44 wegen Arbeitsausbeutung)
• 404 potenzielle Opfer von Menschenhandel festgestellt (davon 393 Opfer von Arbeitsausbeutung)
• 341 neue Ermittlungen eingeleitet (davon 43 im Bereich Arbeitsausbeutung)
Schwerpunkte und Vorgehensweisen
Ziel der Aktion war es, in den teilnehmenden Ländern die verbreitetsten Formen von Arbeitsausbeutung zu erkennen und gezielt zu bekämpfen. Die Kontrollen erstreckten sich über zahlreiche Branchen, darunter Gastronomie, Lebensmittelproduktion und -zustellung, Pflege, Logistik, Landwirtschaft, Bauwesen und Bergbau. Europol betonte, dass im Bereich Arbeitsausbeutung und Zwangsarbeit ein hohes Dunkelfeld herrschen würde.
Ergebnisse aus Europa:
Spanien:
Während einer gemeinsamen Kontrollaktion auf einem landwirtschaftlichen Anwesen in der Provinz Sevilla wurde ein nepalesischer Staatsbürger als Opfer von Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung identifiziert.
Die Ermittlungen begannen nach einer Überprüfung eines Kebab-Restaurants, in dem der Betroffene beschäftigt war. Der Mann lebte unter unmenschlichen, unhygienischen Bedingungen in einer stark überfüllten Unterkunft, die ihm vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt worden war.
Nach der Kontrolle wurde das Opfer in eine Polizeidienststelle gebracht, dort betreut und anschließend in einer Schutzeinrichtung für Opfer von Menschenhandel untergebracht. Die zuständigen Arbeitsbehörden leiteten drei weitere Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen ein, da bei der Kontrolle fünf Beschäftigte ohne Arbeitsvertrag festgestellt wurden – zwei davon hielten sich illegal in Spanien auf.
Ungarn
Nach einem Hinweis wurde in Ungarn ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Zwangsarbeit eingeleitet. Dabei wurden sieben ungarische Staatsangehörige, darunter ein 15-jähriges Kind, auf lokalen Schweinezuchtbetrieben entdeckt, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen beschäftigt waren.
Die Opfer mussten körperlich anstrengende Tätigkeiten ohne Vertrag, ohne Bezahlung und ohne angemessene Unterkünfte verrichten. Der Betriebsinhaber wurde in Haft genommen, die Opfer wurden gerettet und in Schutz gebracht. Die Ermittlungen wurden gemeinsam von Polizei und Arbeitsinspektorat geführt.
In einem weiteren, derzeit noch laufenden Verfahren gegen eine Menschenhandelsorganisation, die schutzbedürftige Personen aus Rumänien zur Arbeit in einer Papier- und Abfallverarbeitungsanlage in Ungarn angeworben hatte, wurden zwei weitere Tatverdächtige in Budapest festgenommen.
Den Beschuldigten wird vorgeworfen, die Opfer in abgeschiedenen Unterkünften mit schlechten Lebensbedingungen untergebracht und sie unter Zwang zur Arbeit genötigt zu haben.
Dieser Fall wird von einer gemeinsamen Ermittlungseinheit Ungarn–Rumänien bearbeitet. Insgesamt konnten bislang 13 Tatverdächtige festgenommen werden. Den Opfern war ursprünglich eine ordnungsgemäße Beschäftigung mit fairen Bedingungen versprochen worden – tatsächlich wurden sie unter Druck gesetzt, überwacht, ihrer Dokumente beraubt und ohne Lohnzahlung ausgebeutet.
Ukraine
In der Kiew Oblast konnten die ukrainischen Behörden die illegale Arbeitsausbeutung von 13 usbekischen Staatsangehörigen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb beenden.
Vier Mitglieder einer kriminellen Organisation – darunter zwei chinesische Staatsbürger, ein ukrainischer und ein usbekischer Staatsbürger – wurden festgenommen und wegen Menschenhandels angeklagt.
Österreich: 20 potenzielle Opfer identifiziert – gezielte Kontrollen im gesamten Bundesgebiet
Auch Österreich beteiligte sich erfolgreich an der europaweiten Aktion. Im Zeitraum vom 22. bis 28. September 2025 wurden 753 Personen aus 36 Staaten, 32 Fahrzeuge und 683 Dokumente an 150 verschiedenen Kontrollorten überprüft – darunter Restaurants, Bars, Bordelle, Wohnungen, Baustellen, Bahnhöfe, Nagelstudios, Märkte und Bäckereien.
An den österreichweiten Maßnahmen beteiligten sich 170 Bedienstete der Polizei, der Arbeitsinspektorate und der Finanzpolizei. Sie wurden vom Bundeskriminalamt, Abteilung 8 (Schlepperei, Menschenhandel und Sonderermittlungen) in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern, den regionalen Polizeidienststellen sowie der Finanzpolizei koordiniert.
Basierend auf den aktuellen Europol-Erkenntnissen erfolgten gezielte Kontrollen insbesondere in den Bereichen
• Transitverkehr (Überprüfung von Arbeits- und Ruhezeiten),
• Gastronomie,
• Baugewerbe,
• Kosmetikbranche (Nagelstudios),
• Land- und Forstwirtschaft sowie
• Ausbeutung von Frauen und Kindern aus der Ukraine.
Ergebnisse aus Österreich:
Im Zuge von fünf Ermittlungsverfahren konnten 20 potenzielle Opfer des Menschenhandels identifiziert und fünf Verdächtige (ein serbischer, ein chinesischer, zwei rumänische Staatsbürger sowie eine griechische Staatsbürgerin) ausgeforscht werden.
• Zwei Opfer aus Ungarn in einem Reitstall in Oberösterreich
• Sechs Opfer aus Rumänien in einem Reinigungsunternehmen in Salzburg
• Neun Opfer aus China in einem Bordell in Salzburg
• Ein minderjähriges Opfer aus Vietnam in einem Nagelstudio in Wien
• Zwei Opfer aus Rumänien in einer Reinigungsfirma in Tirol
Zudem wurden im Rahmen der Kooperation mit der Finanzpolizei zwölf Arbeitgeber und vier Arbeitnehmer wegen Verstößen gegen das Ausländerbeschäftigungs- und Sozialversicherungsgesetz angezeigt.
Ein weiterer Fokus lag auf der Erkennung gefälschter und verfälschter Dokumente, die häufig zur Verschleierung illegaler Beschäftigungsverhältnisse genutzt werden.
Die EMPACT Joint Action Days 2025 Labour/Agri zeigten eindrucksvoll, wie effektiv die europäische und nationale Zusammenarbeit im Kampf gegen Menschenhandel und Arbeitsausbeutung ist.
"Arbeitsausbeutung ist Menschenhandel in einer sehr menschenverachtenden Form. Ich gratuliere allen Ermittler und Ermittlerinnen der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes zu diesem tollen Erfolg!", so der Leiter der Abteilung 8 Gerald Tatzgern.
Teilnehmende Länder:
Albanien, Österreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Irland, Italien, Kosovo*, Lettland, Litauen, Luxemburg, Niederlande, Nordmazedonien, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Schweden, Schweiz, Ukraine, Vereinigtes Königreich
* Diese Bezeichnung erfolgt unbeschadet der Positionen zum Status und steht im Einklang mit der UN-Resolution 1244/1999 sowie dem Gutachten des Internationalen Gerichtshofs zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovo.
Beteiligte Agenturen: Europol, Europäische Arbeitsbehörde (ELA)