Kriminalitätsbekämpfung
Cold Case Management: Eine zweite Chance für ungelöste Fälle
Im Laufe der letzten 40 Jahre hat sich das Cold Case Management zu einem entscheidenden Teil der Kriminalermittlung entwickelt. Durch den Einsatz modernster Analysemethoden und einer systematischen Herangehensweise werden alte Fälle neu betrachtet.
Cold Case Management bezeichnet die gezielte Aufarbeitung ungelöster Kriminalfälle, die oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg ungeklärt bleiben. Dank moderner Technologien und verbesserter Analysemethoden wie DNA-Analysen oder digitale Forensik können alte Beweismittel heute mit höherer Präzision untersucht werden. Diese systematische Herangehensweise ermöglicht es, neue Hinweise zu entdecken und Fälle, die lange Zeit als unlösbar galten, doch noch aufzuklären. Das Cold Case Management hat sich somit zu einem essenziellen Instrument der Strafverfolgung entwickelt, das Opfern und ihren Angehörigen die Hoffnung gibt, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Wenn Fälle kalt werden: Was ist ein Cold Case?
Ein Cold Case bezeichnet im Allgemeinen lange ungelöste und oft mysteriöse Fälle. Der Begriff ist weder ein juristischer noch ein kriminalistischer Fachterminus. Eine Definition und Abgrenzung zu anderen Kriminalfällen wurde erstmals in den 80er Jahren durch das FBI vorgenommen: Ein Cold Case ist ein ungelöstes Kapitalverbrechen oder ein ungeklärter Vermisstenfall, wenn er seit mindestens drei Jahren ungeklärt ist und Potenzial hat, durch den Einsatz fortgeschrittener Untersuchungsmethoden oder durch neue Ermittlungsergebnisse gelöst zu werden. In solchen Fällen kommen alle Ermittlungsergebnisse und Spurenträger nochmals auf den Tisch, werden erneut einer genauen Betrachtung und den neuen Untersuchungsmethoden unterzogen.
Das Referat Cold Case Management
Im Jahr 2010 wurde im Bundeskriminalamt das Cold Case Management als eigene Einheit eingerichtet, die sich seitdem ungelöster Kapitalverbrechen und Vermisstenfälle annimmt. Dieses Referat ist für die gesamte Planung, Umsetzung und Evaluierung von Cold Case Ermittlungen in Österreich zuständig. Befragungen, Untersuchungen, Vernehmungen und Abklärungen können von den Ermittlern selbst gestaltet werden, was bei Ermittlungen direkt nach einer Straftat nicht so leicht möglich ist.
2020 wurde das Cold Case Management im Bundeskriminalamt neu strukturiert, um sich einerseits veränderten internationalen Standards anzupassen, aber auch für eine Neuausrichtung auf nationaler Ebene. Erstmals wurden österreichweit alle Kapitalverbrechen, die Cold Case Potenzial hatten, erfasst und ein Cold Case Verfahren entwickelt, das von Beginn der Übernahme bis zum Abschluss der Ermittlungen führt.
In speziellen Fällen wird eine eigens zusammengesetzte Ermittlungsgruppe gebildet, bei der weitere Ermittlerinnen und Ermittler sowie Spezialistinnen und Spezialisten der Analyse und Kriminaltechnik hinzugezogen werden.
Vernetzte Expertise auf nationaler und internationaler Ebene
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die aktive Vernetzung mit anderen Fachabteilungen. Die Ermittlerinnen und Ermittler müssen mit vielen kleinen Bausteinen arbeiten, die aus unterschiedlichen Perspektiven erneut betrachtet werden. Dazu wird das gesamte Knowhow des Bundeskriminalamts eingesetzt. Ein Austausch erfolgt nicht nur intern mit Kriminaltechnik, Kriminalanalyse und dem Kompetenzzentrum für abgängige Personen, sondern auch mit nachfolgenden Dienststellen wie den Landeskriminalämtern und externen gerichtsmedizinischen Instituten.
Ein internationaler Vergleich zeigt, dass die Herangehensweisen bei Analysen und Ermittlungsempfehlungen bis hin zu aktiven Ermittlungen stark variieren. Mit dem Aufbau der Cold Case Einheit, die nicht nur analytisch, sondern auch operativ tätig ist, nahm Österreich eine Vorreiterrolle in Europa ein. Beim Austausch mit anderen Ländern wird deswegen besonderes Augenmerk auf Österreich gelegt.
Schritt für Schritt zu neuen Erkenntnissen
Vermisstenfälle oder Kapitalverbrechen mit Aufklärungspotenzial werden vom Cold Case Management proaktiv bearbeitet. Als erster Schritt werden alle Aktenbestände aus sämtlichen Dienststellen und Justizbehörden zusammengetragen, um die vergangenen Ermittlungen nachzuvollziehen und zu sehen, welche Spurenträger noch vorhanden sind. Diese Aktenberge werden dann akribisch aufgearbeitet, analysiert und bewertet, woraufhin über eine Fortführung des Verfahrens entschieden wird. Da kein Fall dem anderen gleicht, sind Flexibilität und die Bereitschaft für Neues sowohl bei den Abläufen als auch bei den Ermittlerinnen und Ermittlern gefragt.
Spurensicherung, Zeugenbefragungen, eine schlüssige Dokumentation sowie die Kommunikation mit den Ermittlerinnen und Ermittlern, die nach der Tat am Tatort waren, sind essenziell für die Aufklärung. Gesicherte Spuren können durch neue Technologien wie DNA-Analysen wertvolle Hinweise liefern. Die Zeit kann ebenfalls eine positive Rolle spielen, da sich Beziehungen ändern und Abhängigkeitsverhältnisse wegfallen, wodurch Zeugen eher bereit sind, neue Aussagen zu machen.
In anderen Fällen wird die Aufklärung umso schwieriger, je mehr Zeit vergangen ist, da Erinnerungen verblassen, Zeuginnen beziehungsweise Zeugen sterben oder Beweismittel verloren gehen. Um das zu verhindern, wird auch mithilfe der Medien nach entscheidenden Hinweisen und Zeugen gesucht, denn jedes Detail könnte entscheidend sein, um einen Fall schlussendlich zu klären.
Kann ein Fall mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht aufgeklärt werden, geht er mit einem umfassenden Bericht über die gewonnenen Erkenntnisse schlussendlich an die erstermittelnde Dienststelle zurück, um eventuell nach Voranschreiten der notwendigen Technik zu einem späteren Zeitpunkt nochmals aufgegriffen zu werden.
Hightech trifft Vergangenheit: Moderne Technik im Einsatz für Cold Cases
Der Beginn des Cold Case Managements in den USA ging mit dem erstmaligen Einsatz der DNA-Analyse in den 1980er Jahren einher, die zu einem Durchbruch in der Kriminaltechnik führte und die Bearbeitung von Cold Cases revolutionierte. Heute braucht es nur noch einen Bruchteil des Spurenmaterials im Vergleich zu früher, um ein vollständiges DNA-Profil zu bekommen.
Neben der DNA-Analyse werden heutzutage vor allem Methoden wie die Gesichtsrekonstruktion, Isotopengutachten und Palynologie eingesetzt. Die Gesichtsrekonstruktion wird häufig verwendet, um das Aussehen unbekannter Opfer auf der Grundlage von Schädelmerkmalen nachzubilden und so deren Identität zu ermitteln. Isotopengutachten ermöglichen es, durch die Analyse von Isotopen in Haaren, Zähnen oder Knochen Rückschlüsse auf die geografische Herkunft oder den Lebensstil einer Person zu ziehen. Die Palynologie, die Untersuchung von Pollen und Sporen, hilft dabei, Tatorte oder Aufenthaltsorte von Personen genauer einzugrenzen.
Zusammen erweitern diese Techniken das Spektrum der forensischen Wissenschaft erheblich und tragen dazu bei, Cold Cases aufzuklären, die mit der Technik der letzten Jahrzehnte nicht gelöst werden konnten.